Vitsœ Regalsystem 606, 1960, entworfen von Dieter Rams. Umweltfreundliches, modular aufgebautes Design mit ressourcenschonenden Materialien. Als Beispiel für die Thesen: Gutes Design ist Umwelt freundlich

Was macht gutes Design aus?

Die zehn Thesen fĂĽr gutes Design von Dieter Rams. Jeder Mensch, der mit Design arbeitet, stellt sich immer diese Fragen: Was macht gutes Design wirklich gut? Ist das Design ĂĽberhaupt gut?

Freigestelltes Portrait von Alexander BĂĽrgin im weissen Hemd
Alexander Leu
Tech Director
Inhaltsverzeichnis
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    Was ist gutes Design? Zehn Thesen fĂĽr gutes Design

    «Gut», ist ein sehr flexibler Begriff und spätestens bei «gut aussehen» scheiden sich die Geister. Wie also lässt sich gutes Design überhaupt definieren?

    In der letzten Jahrhunderthälfte hat kein Designer die Designauffassung der Alltagskultur entscheidender geprägt, als Dieter Rams. Dieter Rams – ein deutscher Industriedesigner der Moderne – beschäftigte sich in den späten 70er-Jahren sehr intensiv mit dem Thema, was gutes Design überhaupt gut macht. Er formulierte zehn Anforderungen, die gutes Design seiner Meinung nach erfüllen muss.

    10 Thesen fĂĽr gutes Design nach Dieter Rams

    Dieter Rams ist der Designer, der einige der kultigsten Produkte der Welt geschaffen hat. In seinen 10 Thesen teilt er seine Philosophie ĂĽber gutes Design und was es bedeutet, ein guter Designer zu sein.

    Braun TP 1 Radio-Phono-Kombination, 1959, entworfen von Dieter Rams. Innovatives Design vereint moderne Technologie und klare Ästhetik. Als Beispiel für die Thesen: Gutes Design ist innovativ

    Gutes Design ist innovativ

    Die Möglichkeiten für Innovation sind längst nicht ausgeschöpft. Die technologische Entwicklung bietet immer wieder neue Ausgangspunkte für zukunftsfähige Gestaltungskonzepte, die den Gebrauchswert eines Produktes optimieren. Dabei entsteht innovatives Design, stets im Zusammenschluss mit innovativer Technik und ist niemals Selbstzweck.

    Braun Weltempfänger T 1000, 1963, von Dieter Rams gestaltet. Selbstklärendes Design, das die Bedienung intuitiv und verständlich macht. Als Beispiel für die Thesen: Gutes Design macht ein Produkt verständlich

    Gutes Design macht ein Produkt verständlich

    Gutes Design verdeutlicht auf einleuchtende Weise die Struktur des Produkts. Mehr noch: Es kann das Produkt zum Sprechen bringen. Im besten Fall erklärt das Design die Funktionsweise des Produktes von selbst.

    Braun RT 20 Tischsuper Radio, 1961, von Dieter Rams entworfen. Zeitloses, ästhetisches Design für ein ansprechendes, funktionales Alltagsprodukt. Als Beispiel für die Thesen: Gutes Design ist Ästhetisch

    Gutes Design ist ästhetisch

    Die ästhetische Qualität eines Produktes ist integraler Aspekt seiner Brauchbarkeit. Denn Geräte, die man täglich benutzt, prägen das persönliche Umfeld und beeinflussen das Wohlbefinden. Schön sein kann aber nur, was gut gemacht ist.

    Braun MPZ 21 Citromatic Zitruspresse, 1972, von Dieter Rams und JĂĽrgen Greubel. Funktionales Design fĂĽr optimale Brauchbarkeit und Bedienung. Als Beispiel fĂĽr die Thesen: Gutes Design macht ein Produkt brauchbar

    Gutes Design macht ein Produkt brauchbar

    Wir kaufen Produkte, um sie zu benutzen. Sie sollen bestimmte Funktionen erfüllen – Primärfunktionen ebenso wie ergänzende psychologische und ästhetische Funktionen. Gutes Design optimiert die Brauchbarkeit und lässt alles unberücksichtigt, was nicht diesem Ziel dient oder ihm gar entgegensteht.

    Braun ET 66 Taschenrechner, 1987, von Dietrich Lubs. Detailgenaues und grĂĽndliches Design mit klarer Benutzerfreundlichkeit. Als Beispiel fĂĽr die Thesen: Gutes Design ist konsequent bis ins letzte Detail

    Gutes Design ist konsequent bis ins letzte Detail

    Nichts darf der WillkĂĽr oder dem Zufall ĂĽberlassen werden. GrĂĽndlichkeit und Genauigkeit der Gestaltung sind letztlich Ausdruck des Respekts dem Verbraucher gegenĂĽber.

    Vitsœ Sesselprogramm 620, 1962, entworfen von Dieter Rams. Langlebiges Design, das Modetrends überdauert und zeitlos bleibt. Als Beispiel für die Thesen: Gutes Design ist langlebig

    Gutes Design ist langlebig

    Es vermeidet, modisch zu sein, und wirkt deshalb nie antiquiert. Im deutlichen Gegensatz zu kurzlebigem Mode-Design ĂĽberdauert es auch in der heutigen Wegwerfgesellschaft lange Jahre.

    Braun Lautsprecher L 450, Tonbandgerät TG 60 und Steuerkonsole TS 45, 1962–64, von Dieter Rams. Ehrliches Design ohne übertriebene Versprechen. Als Beispiel für die Thesen: Gutes Design ist ehrlich

    Gutes Design ist ehrlich

    Es lässt ein Produkt nicht innovativer, leistungsfähiger, wertvoller erscheinen, als es in Wirklichkeit ist. Es versucht nicht, den Verbraucher durch Versprechen zu manipulieren, die es dann nicht halten kann.

    Braun Tischfeuerzeug T 2, 1968, entworfen von Dieter Rams. Schlichtes, unaufdringliches Design, das sich neutral in jeden Kontext einfĂĽgt. Als Beispiel fĂĽr die Thesen: Gutes Design ist unaufdringlich

    Gutes Design ist unaufdringlich

    Produkte, die einen Zweck erfüllen, haben Werkzeugcharakter. Sie sind weder dekorative Objekte noch Kunstwerke. Ihr Design sollte deshalb neutral sein, die Geräte zurücktreten lassen und dem Menschen Raum zur Selbstverwirklichung geben.

    Vitsœ Regalsystem 606, 1960, entworfen von Dieter Rams. Umweltfreundliches, modular aufgebautes Design mit ressourcenschonenden Materialien. Als Beispiel für die Thesen: Gutes Design ist Umwelt freundlich

    Gutes Design ist umwelt­freundlich

    Design leistet einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Umwelt. Es bezieht die Schonung der Ressourcen ebenso wie die Minimierung von physischer und visueller Verschmutzung in die Produktgestaltung ein.

    Braun Lautsprecher L 2, 1958, von Dieter Rams gestaltet. Minimalistisches Design, das auf das Wesentliche reduziert ist und klare Funktionalität bietet. Als Beispiel für die Thesen: Gutes Design ist so wenig Design wie möglich

    Gutes Design ist so wenig Design wie möglich

    Weniger Design ist mehr, konzentriert es sich doch auf das Wesentliche, statt die Produkte mit ĂśberflĂĽssigem zu befrachten.

    ZurĂĽck zum Puren, zum Einfachen!

    Die Definition der zehn Thesen fĂĽr gutes Design auf einen Blick

    1. Gutes Design ist innovativ.

    2. Gutes Design macht ein Produkt brauchbar.

    3. Gutes Design ist ästhetisch.

    4. Gutes Design macht ein Produkt verständlich.

    5. Gutes Design ist unaufdringlich.

    6. Gutes Design ist ehrlich.

    7. Gutes Design ist langlebig.

    8. Gutes Design ist konsequent bis ins letzte Detail.

    9. Gutes Design ist umweltfreundlich.

    10. Gutes Design ist so wenig Design wie möglich.

    Dieter Rams der Industriedesigner der Moderne

    Am 20. Mai 1932 wurde Dieter Rams in Wiesbaden geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte Rams – unterbrochen von einer Ausbildung zum Tischler – bis 1953 Architektur und Innenarchitektur an der Werkkunstschule in Wiesbaden. Darauf arbeitete Rams die folgenden zwei Jahre für das Architekturbüro von Otto Apel.

    1955 bewarb sich Rams bei Braun. Zu dieser Zeit modernisierte Braun das Unternehmen radikal und engagierte Rams ursprünglich für die Gestaltung der Firmenräume. Schnell erkannte Braun das Talent von Rams und bezog ihn in die Entwurfsarbeit der Produkte ein.

    Schwarz-Weiß-Porträt von Dieter Rams, einem der einflussreichsten Designer des 20. Jahrhunderts, bekannt für sein zeitloses, funktionales Design.
    Vitsœs Designer Dieter Rams, Foto: Abisag Tüllmann

    Einer von Rams ersten Entwürfen für Braun war, gemeinsam mit Hans Gugelot, die Radio-Plattenspieler-Kombination SK 4. Das radikal reduzierte Design aus weiss lackiertem Blechkorpus mit einer Abdeckhaube aus Acrylglas und Wangen aus hellem Holz war auch als «Schneewittchen-Sarg» bekannt und wurde zum Klassiker und Vorbild.

    Als Rams 1959 Erwin Braun um Erlaubnis bat, Möbel für Niels Vitsœ und Otto Zapf zu entwerfen, wurde ihm diese gewährt: «Das wird dem Absatz unserer Radios helfen.» Von 1961 bis 1995 leitete Rams die Designabteilung von Braun.

    In den späten 1970er Jahren machte sich Dieter Rams zunehmend Sorgen um den Zustand einer Welt, die er als «eine undurchschaubare Verwirrung von Formen, Farben» empfand. Im Bewusstsein, dass er als Gestalter massgeblich zu dieser Welt beitrug, stellte er sich die Frage: Was ist gutes Design? Seine Antwort formulierte er als zehn Thesen für gutes Design.

    Braun SK 4, 1956, von Dieter Rams und Hans Gugelot entworfen. Revolutionäre Radio-Plattenspieler-Kombination mit modernem Plexiglasdeckel und minimalistischem Design.
    Braun SK 4, 1956
    Braun Lautsprecher LE1, 1959, von Dieter Rams entworfen. Erstes elektrostatisches Lautsprechersystem mit schlankem, minimalistischem Design.
    Dieter Rams LE1
    Was macht gutes Design aus? Beispiel am Retro-Weltempfänger Braun T100 mit zwei Antennen, Metallgehäuse und minimalistischen Bedienelementen.
    Weltempfänger T100

    Das Design sollte das Produkt sozusagen zum Sprechen bringen.

    Dieter Rams

    Rams und sein Designteam prägten in den Folgejahren bis in die 1980er Jahre das typische, klare Erscheinungsbild der Produkte des Braun-Konzerns. Viele der entstandenen Produkte gelten mittlerweile als Designklassiker wie der Weltempfänger T 1000, der elektrostatische Lautsprecher LE1 oder die Hi-Fi-Komponenten Regie und Atelier. 

    Rams ist ĂĽberzeugt, dass das beste Design durch die enge Zusammenarbeit von Unternehmer und Designer entsteht.

    Rams Einfluss zu gutem Design ist weitreichend

    Der Chefdesigner bei Apple Jonathan Ive betont immer wieder, dass er ein grosser Rams Fan ist – was übrigens auch bei Steve Jobs der Fall war. Mit anderen Worten: Die Lehren zu gutem Design von Rams haben Apple geprägt.

    Steve Jobs brach die 10 Regeln für gutes Design auf einen einzigen Satz runter «Design ist nicht, wie etwas aussieht oder sich anfühlt. Design ist, wie etwas funktioniert.»

    Einfach ist schwieriger als kompliziert.

    Steve Jobs

    Einfachheit ist heute das fundamentale Designkriterium

    Um zeitloses und gutes Design zu beschreiben sowie aktiv zu leben lohnt es sich, sich auf folgende Kernregel zu konzentrieren: Gutes Design ist einfach und verzichtet auf alles, was nicht notwendig ist.

    Einfachheit ist heute eines der fundamentalsten Designkriterien, weil viele Menschen die Welt als kompliziert wahrnehmen.

    «Simplicity» ist ein Ansatz, welcher die Einfachheit zu einem zentralen Element im Branding von Unternehmen und Marken macht. Laut den Analysen von Siegel+Gale schneiden Unternehmen, welche diesem Ansatz folgen, bei der Börsenbewertung 7 Mal besser ab als die Konkurrenz.

    55 Prozent aller befragten Konsumenten sind bereit, mehr für eine einfache Marke zu bezahlen und sogar 64 Prozent empfehlen Produkte solcher Marken weiter. Schätzungen zu Folge verlieren Unternehmen, welche komplizierte Produkte anbieten, jedes Jahr rund 100 Milliarden Dollar.

    Die weltweiten Vorreiter des «Simplicity» Ansatzes sind: Netflix, ALDI, Google, Lidl und Carrefour, gefolgt von McDonald’s, Trivago, Spotify, Uniqlo und Subway. Überraschenderweise erscheint Apple – lange der Verfechter für Einfachheit – heute in keiner aktuellen Statistik mehr.

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