Das Bild zeigt Igor Ansoff (1918–2002), den Begründer des strategischen Managements, nach dem die Ansoff-Matrix benannt ist.

Ansoff-Matrix: Was sie ist, wie sie funktioniert – warum sie seit 60 Jahren relevant?

Definition

Die Ansoff-Matrix (auch Produkt-Markt-Matrix genannt) ist ein Framework aus der strategischen Unternehmensführung. Sie hilft Organisationen, systematisch zu entscheiden, ob sie mit bestehenden oder neuen Produkten in bestehende oder neue Märkte wachsen wollen.

Benefit

Viele Unternehmen erschliessen neue Märkte ohne Risikoanalyse oder entwickeln Produkte, bevor der bestehende Markt ausgeschöpft ist. Die Produkt-Markt-Matrix bremst diesen Reflex – sie zwingt dazu, Optionen abzuwägen und Risiken zu akzeptieren, bevor Geld fliesst.

Freigestelltes Portrait von Alexander BĂĽrgin im weissen Hemd
Alexander Leu
Tech Director
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    Was ist die Ansoff-Matrix? Die wichtigste Definition

    Die Ansoff-Matrix wurde 1957 von Igor Ansoff, einem russisch-amerikanischen Mathematiker und Strategievordenker, im Harvard Business Review vorgestellt. Ansoffs zentrale Erkenntnis war simpel und bis heute gültig: Wachstum hat immer zwei Dimensionen – das Produkt und den Markt. Und jede Kombination dieser zwei Dimensionen trägt ein anderes Risikoniveau.

    Die Ansoff-Matrix ist ein strategisches 2×2-Framework, das vier Wachstumsstrategien für Unternehmen abbildet – Marktdurchdringung, Produktentwicklung, Marktentwicklung und Diversifikation – und sie anhand der Achsen «Produkt» (bestehend/neu) und «Markt» (bestehend/neu) einordnet. Je weiter sich ein Unternehmen von seinem Kerngeschäft entfernt, desto höher das strategische Risiko.

    Was uns an diesem Modell nach ĂĽber 60 Jahren noch immer fasziniert: Es ist weder komplex noch akademisch. Du kannst es in einem Workshop mit Deinem FĂĽhrungsteam auf ein Whiteboard zeichnen und in 45 Minuten eine strategische Diskussion fĂĽhren, die sonst Wochen dauert.

    Die vier Strategien

    Hier ist eine interaktive Ăśbersicht der vier Quadranten:

    Ansoff matrix aligned

    1. Marktdurchdringung – das sicherste Wachstum

    Marktdurchdringung bedeutet: Du verkaufst bestehende Produkte in bestehenden Märkten – aber konsequenter, aggressiver, besser. Das Ziel ist ein höherer Marktanteil. Typische Hebel sind Preissenkungen, stärkere Werbung, Treueprogramme oder ein dichteres Vertriebsnetz.

    Warum ist das die risikoärmste Strategie? Weil Du Dein Produkt kennst und Deinen Markt kennst. Die grösste Unbekannte – die Reaktion der Kunden – ist hier am besten einschätzbar.

    Wann macht Marktdurchdringung Sinn?

    Wenn Dein Markt noch Luft nach oben hat, Dein Produkt konkurrenzfähig ist und Du glaubst, dass Du mit mehr Einsatz mehr herausholen kannst, ohne das Produkt oder die Zielgruppe grundlegend zu verändern.

    Praxisbeispiel: Migros im Schweizer Detailhandel

    Migros und Coop teilen sich gemeinsam rund 70 Prozent des Schweizer Detailhandels – ein gesättigter Markt, in dem jeder gewonnene Franken ein verlorener beim Konkurrenten ist. Genau deshalb ist das, was Migros gerade tut, ein Lehrbuchbeispiel für Marktdurchdringung.

    Migros vs. Coop – Food-Marktanteil Schweiz 2025

    Coop hat Migros im reinen Food-Segment ĂĽberholt. Migros antwortet mit Preissenkungen, Ausbau der M-Budget-Linie und Kundenbindung ĂĽber Cumulus.

    AnbieterMarktanteil
    Coop43 %
    Migros37.4 %
    Andere19.6 %

    Nielsen / Tages-Anzeiger, Nov. 2025 · Migros-Geschäftsbericht 2024

    2. Produktentwicklung – Wachstum durch Innovation im bekannten Markt

    Bei der Produktentwicklung entwickelst Du neue Produkte für bestehende Märkte. Du musst keine neuen Kunden gewinnen – Du gibst Deinen bestehenden Kunden einen neuen Grund, bei Dir zu bleiben oder mehr zu kaufen. Das Risiko liegt nicht im Markt, sondern im Produkt: Wird die Innovation angenommen?

    Wann macht Produktentwicklung Sinn?

    Wenn Du eine starke Marke und tiefen Einblick in Deine Kundschaft hast, der Markt aber nach Weiterentwicklung ruft. Kurz: wenn Dein Vertrauensvorschuss grösser ist als die Unsicherheit über das neue Angebot.

    Praxisbeispiel: Apple Watch – eine neue Kategorie für eine loyale Gemeinschaft

    Als Apple 2015 die Apple Watch vorstellte, hat das Unternehmen keinen neuen Markt erschlossen. Es hat einem bestehenden Markt – der treuen iPhone-Nutzerbasis – ein neues Produkt gegeben. Die eigentliche Frage war damals nicht «Wer kauft das?», sondern «Warum sollte jemand von Apple eine Uhr kaufen?»

    Smartwatch-Marktanteil weltweit 2024

    Apple lancierte die Watch 2015 für die bestehende iPhone-Kundschaft. Heute hält Apple die globale Marktführerschaft – mit über 100 Mio. Nutzern weltweit.

    HerstellerMarktanteil
    Apple23 %
    Huawei17 %
    Samsung9 %
    Andere51 %

    Counterpoint Research / Demandsage, 2025 · Apple Wearables-Segment: USD 37 Mrd. Umsatz FY2024

    3. Marktentwicklung – das gleiche Produkt, eine neue Bühne

    Marktentwicklung heisst: Du nimmst Dein bestehendes Produkt und bringst es in neue Märkte. Das kann geografisch sein (neue Länder), demografisch (neue Zielgruppen) oder kanalbasiert (neue Vertriebswege). Das Produkt ändert sich kaum – aber alles rund darum schon.

    Das Risiko liegt hier im Markt. Neue Märkte bedeuten neue Spielregeln: andere Kundenbedürfnisse, andere Regulierungen, andere Wettbewerber. Wer das unterschätzt, zahlt einen hohen Preis – und wir haben diese Situation in Beratungsprojekten mehrfach erlebt.

    Wann macht Marktentwicklung Sinn?

    Wenn Dein Produkt in Deinem Heimmarkt ausgereift ist und Du weisst – nicht nur hoffst –, dass es in anderen Märkten eine echte Nachfrage gibt.

    Praxisbeispiel: Victorinox – Weltmarktführer mit einem Kernprodukt

    Was das Victorinox-Beispiel besonders lehrreich macht, ist seine Kehrseite: In England, Frankreich und Teilen Asiens führten schärfere Regulierungen beim Tragen von Messern zu Umsatzeinbrüchen von über 20 Prozent in einzelnen Märkten. Das gleiche Produkt, ein anderer Markt – und plötzlich ist ein Kultgegenstand eine regulierte Waffe. Marktentwicklung bringt neue Chancen. Aber sie bringt Risiken, die Du im Heimmarkt nie gehabt hättest.

    Victorinox – Wachstum und Regulierungsrisiko im Vergleich

    Neue Vertriebskanäle und Ladenoptimierungen trieben Wachstum von bis zu +25 %. Gleichzeitig führten Messerregulierungen in England und Frankreich zu –20 % Einbruch.

    SzenarioVeränderung
    Wachstum (neue Vertriebskanäle)+25 %
    Einbruch (FR / UK, regulierte Märkte)–20 %

    Handelszeitung 2018 · NZZ, Mai 2024 · Victorinox Umsatz 2023: CHF 424 Mio. in 120+ Ländern (Statista)

    4. Diversifikation – das grösste Risiko mit dem grössten Potenzial

    Diversifikation ist die radikalste der vier Strategien: neue Produkte in neuen Märkten. Du verlässt Dein Kerngeschäft – entweder mit einem verwandten Schritt (verwandte Diversifikation, z. B. ein Kaffeehersteller lanciert Kaffeemaschinen) oder einem fundamentalen Sprung in ein völlig neues Feld (unverwandte Diversifikation).

    Das Risiko ist hier am grössten, weil Du weder das Produkt in der Praxis kennst noch den Markt. Gleichzeitig ist das Potenzial enorm – wenn es gelingt, kann Diversifikation ein Unternehmen fundamental transformieren.

    Wann macht Diversifikation Sinn?

    Wenn Dein Kerngeschäft stagniert, Du strategisch neue Standbeine brauchst und bereit bist, konsequent zu investieren – über Jahre, nicht über Quartale.

    Praxisbeispiel: Amazon und AWS – Diversifikation, die ein Unternehmen neu definiert hat

    Was heute wie eine strategische Selbstverständlichkeit klingt, war 2006 ein gewagter Schritt: Amazon – damals als Online-Händler für Bücher und Elektronik bekannt – entschied, seine intern aufgebaute IT-Infrastruktur als eigenständiges Produkt anzubieten. AWS richtete sich an Unternehmen, Entwickler und Behörden weltweit. Weder das Produkt noch der Markt hatten etwas mit Amazons Kerngeschäft zu tun. Klassische unverwandte Diversifikation.

    Cloud-Infrastruktur-Marktanteil weltweit Q4 2024

    AWS startete 2006 als internes Projekt und wurde zum profitabelsten Segment Amazons. 2024: USD 107 Mrd. Umsatz, >37 % operative Marge – bei nur 19 % des Konzernumsatzes aber ~50 % des Gewinns.

    AnbieterMarktanteil
    AWS30 %
    Azure24 %
    Google12 %
    Andere34 %

    Synergy Research Group / Statista, Q4 2024

    Was ist der Nutzen der Ansoff-Matrix?

    Die Ansoff-Matrix schafft eine gemeinsame Sprache für strategische Diskussionen. Sie hilft Führungsteams dabei, Wachstumsentscheidungen strukturiert zu treffen – statt aus dem Bauch heraus. Im Einzelnen ermöglicht sie:

    • Klarheit ĂĽber Wachstumsoptionen: Alle vier strategischen Richtungen werden sichtbar und vergleichbar gemacht.
    • Risikobewusstsein: Die Matrix macht deutlich, dass mehr Distanz zum Kerngeschäft mehr Risiko bedeutet.
    • Ressourcenplanung: Unterschiedliche Strategien erfordern unterschiedliche Investitionen. Die Matrix hilft, Budgets gezielt zuzuweisen.
    • Kommunikation mit Stakeholdern: Investoren und Verwaltungsräte verstehen das Modell schnell – es eignet sich gut zur Präsentation von Wachstumsstrategien.
    • Priorisierung: Unternehmen können mehrere Strategien gleichzeitig verfolgen, aber die Matrix hilft beim Fokussieren auf die wesentlichen.

    Wie wendest Du die Ansoff-Matrix in der Praxis an?

    Die Matrix ist kein Selbstzweck. Sie entfaltet ihren Wert in einem strukturierten Prozess – idealerweise als Teil eines Strategie-Workshops oder eines umfassenderen Planungszyklus. So gehen wir dabei vor:

    Schritt 1 – Ausgangslage ehrlich analysieren

    Bevor Du irgendwelche Wachstumspfade malst, musst Du wissen, wo Du wirklich stehst. Welche Produkte hast Du? In welchen Märkten bist Du aktiv? Was sind Deine echten Stärken – nicht die, die ihr im letzten Leitbild beschlossen habt, sondern die, die Kunden wirklich schätzen? Eine SWOT-Analyse ist hier ein guter Startpunkt.

    Schritt 2 – Alle vier Quadranten aktiv durchdenken

    Jetzt füllst Du die Matrix: Welche konkreten Optionen gibt es in jedem Feld? Nicht alle Felder werden gleich voll sein – das ist in Ordnung. Wichtig ist, dass Du alle vier durchdenkst, bevor Du einen ausschliesst. Oft liegt das beste Wachstum genau dort, wo man zuerst nicht hingeschaut hat.

    Schritt 3 – Risiko und Ressourcen gegeneinander abwägen

    FĂĽr jede Option stellst Du dieselben Fragen: Was kostet es? Was brauchen wir, das wir heute noch nicht haben? Wie lange dauert es? Wie hoch ist das Markt- und Produktrisiko? Hier wird aus einer Brainstorming-Ăśbung ein echter Entscheidungsprozess.

    Schritt 4 – Priorisieren und entscheiden

    Du wirst selten eine einzige richtige Antwort finden. Meistens ist es eine Kombination – beispielsweise Marktdurchdringung kurzfristig, Produktentwicklung mittelfristig. Entscheidend ist, dass Du eine klare Priorisierung triffst und die nötigen Ressourcen dahinterstellst.

    Schritt 5 – Umsetzung mit konkreten KPIs verknüpfen

    Eine Strategie ohne Messung ist eine Hoffnung. Lege für jede gewählte Richtung klare Ziele, Verantwortlichkeiten und Meilensteine fest. Erst dann wird aus der Matrix eine echte Handlungsgrundlage.

    Ansoff-Matrix vs. andere strategische Frameworks

    Die Ansoff-Matrix beantwortet eine sehr spezifische Frage: Wohin wollen wir wachsen? Das ist wertvoller als es klingt – aber es ist nicht alles. Für andere strategische Fragen brauchst Du andere Werkzeuge:

    Ansoff-MatrixPorter's Five ForcesBusiness Model Canvas
    FokusWachstumsrichtungWettbewerbsanalyseGeschäftsmodell
    FrageWohin wachsen?Wie attraktiv ist der Markt?Wie funktioniert das Unternehmen?
    RisikodimensionJa, explizitIndirektNein
    EignungStrategieentwicklungMarktanalyseGeschäftsmodellinnovation

    In der Praxis kombinieren wir diese Frameworks gerne: Die Ansoff-Matrix definiert die Richtung. Porter's Five Forces prüft, ob der Zielmarkt attraktiv genug ist. Das Business Model Canvas zeigt, was sich im Geschäftsmodell verändern muss, wenn man die neue Richtung einschlägt.

    Wo stösst die Ansoff-Matrix an ihre Grenzen?

    Wir mögen die Ansoff-Matrix sehr – aber wir idealisieren sie nicht. Es gibt drei Schwachstellen, die Du kennen solltest.

    Die Grenze zwischen «bestehend» und «neu» ist in der Realität unscharf. Ist ein Markt, den Du geografisch neu erschliesst, aber mit derselben Zielgruppe adressierst, wirklich «neu»? Die Matrix gibt Dir keine Antwort darauf – das musst Du selbst beurteilen.

    Die Matrix blendet Wettbewerb aus. Ein Quadrant kann strategisch attraktiv sein und trotzdem durch dominante Konkurrenz faktisch unzugänglich. Deshalb empfehlen wir, die Ansoff-Matrix immer mit einer Wettbewerbsanalyse zu kombinieren.

    Externe Schocks sind nicht eingeplant. Regulierungen, wirtschaftliche Einbrüche, technologische Disruption – nichts davon ist in der Matrix abgebildet. Das Victorinox-Beispiel illustriert das eindrücklich: Eine gesetzliche Änderung im Zielmarkt kann einen strategisch gut überlegten Schritt innert kurzer Zeit zum Problem machen.

    Trotz dieser Grenzen: Kein anderes Framework schafft es, Wachstumsdiskussionen so schnell zu strukturieren und so viel strategische Klarheit zu erzeugen – in so kurzer Zeit.

    Das Fazit zur Ansoff-Matrix

    Die Ansoff-Matrix ist ein zeitloses strategisches Werkzeug, das seit über 60 Jahren in Führungsetagen weltweit eingesetzt wird – und das aus gutem Grund. Sie reduziert die Komplexität von Wachstumsentscheidungen auf eine übersichtliche 2×2-Matrix und macht das implizite Risiko jeder Strategierichtung explizit sichtbar.

    Entscheidend ist, die Matrix nicht isoliert zu verwenden. Sie ist ein Ausgangspunkt für die strategische Diskussion, keine fertige Antwort. Unternehmen, die sie mit einer fundierten Markt- und Wettbewerbsanalyse verbinden, treffen bessere, risikowärtere Wachstumsentscheidungen.

    Wachstum beginnt immer mit der richtigen Frage – und die Ansoff-Matrix hilft, diese Frage präzise zu stellen.

    Source References

    1. Ansoff, H. I. (1957). Strategies for diversification. Harvard Business Review, 35(5), 113–124.
    2. Nielsen / Tages-Anzeiger (2025, November). Marktanteile im Schweizer Lebensmitteleinzelhandel 2025. Abgerufen von https://www.tagesanzeiger.ch
    3. Migros-Genossenschafts-Bund (2024). Geschäftsbericht 2024. Zürich: Migros. Abgerufen von https://www.migros.ch/de/unternehmen/geschaeftsbericht
    4. Counterpoint Research / Demandsage (2025). Global smartwatch market share 2024. Abgerufen von https://www.counterpointresearch.com
    5. NZZ / Handelszeitung (2024, Mai). Victorinox: Wachstum und Regulierungsrisiken in internationalen Märkten. Abgerufen von https://www.nzz.ch
    6. Synergy Research Group / Statista (2025). Cloud infrastructure market share worldwide, Q4 2024. Abgerufen von https://www.statista.com